Precht: Big Data ist ein Anschlag auf unsere Freiheit

Das muss man erst mal sacken lassen. Der Philosoph Richard David Precht äußerte sich vor wenigen Tagen in einem ZDF-Interview äußerst kritisch zu den Themen Big Data und Terroranschläge. Die Auswertung großer Datenmengen sieht er als einen wirklichen Anschlag auf unsere Freiheit. Weder 9/11, noch das Attentat auf Charlie Hebdo seien seiner Ansicht nach Angriffe auf die Freiheit. Nein, stattdessen richten sie sich gegen ein Land oder eine Redaktion. Da muss ich ihm in gewisser Weise zustimmen. Die Anschläge selbst tragen nicht zu einer Beschneidung unserer Freiheit bei, wohl aber unsere Politik und was sie daraus macht. Siehe die Versuche einiger Parteien die Rampensau Vorratsdatenspeicherung erneut durchs World Wide West zu treiben.

Data Mining (Quelle: fdecomite, Liz. CC BY 2.0)
Data Mining (Quelle: fdecomite, Liz. CC BY 2.0)

Big Data spielt für Geheimdienste heute eine genauso große Rolle, wie die Überwachung der hiesigen Pommes-Bude. Alles, was überwachbar ist, wird erfasst. Sollten die Gesetze dafür nicht reichen, müssen diese eben erweitert werden. Das zeigt beispielsweise auch die bevorstehende Änderung des Verfassungs-Gesetzes. Dadurch würden unter anderem dem BND weitreichende Befugnisse zu Teil und natürlich gängige, derzeit im Grauzonen-Bereich oder illegale Methoden legalisiert. Super, da lacht der mündige Bundesbürger. Man verzeihe mir diese Ironie, aber nur wenige durchschauen das Spiel. Manch einer regt sich auf, was da jetzt alles so spioniert wird. Im Grunde ist es bereits seit Jahren fest installiert, es war lediglich verborgen.

Wäre der Bürger mündig, würde Facebook nicht funktionieren

Aber mal zurück zu Herrn Precht. Er spricht neben Data-Mining auch über den mündigen Bürger. Laut seiner Auffassung gibt es diesen nicht, ansonsten würde Facebook nicht funktionieren. Ihm zufolge spiele besonders der altbekannte Gruppenzwang eine große Rolle. Ja, stimmt. Oder wie oft habt ihr schon den Satz zu hören bekommen: Du bist nicht auf Facebook? Komm doch auch dazu. Irgendwann wird einem das so vorgelebt, als würde jegliche Kommunikation nur noch über Facebook, WhatsApp oder ein anderes gleichartiges Instrument ablaufen. Wer nicht dabei ist, wird ausgegrenzt. Dadurch steigt der soziale Druck seinen Mitmenschen gegenüber.

Messenger-Flut (Quelle: Alvy, Liz. CC BY 2.0)
Messenger-Flut (Quelle: Alvy, Liz. CC BY 2.0)

Anderes Beispiel: Beobachtet mal die Menschen um euch herum. Ich hab es schon öfter gesehen. Da sitzt eine Gruppe zusammen. Alle glotzen auf ihre Smartphones und unterhalten sich per Chat. Hallo, ihr sitzt keinen Meter voneinander entfernt und chattet? Verkehrte Welt möchte man manchmal meinen. Kommunikation ist vielschichtig. Genauso ihre Wege: persönliches Gespräch, Telefonat, E-Mail, Brief, Chat, VoIP, Statusmeldungen in sozialen Netzwerken etc. Wahrscheinlich überfordert diese Vielzahl uns allmählich? Der Markt an Messengern und sozialen Portalen explodiert geradezu. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.

Unsere Politik muss reagieren und darf nicht weiter abwarten

Aller guten Dinge sind drei. Precht tritt auch der Bundesregierung gehörig in den Allerwertesten. Der Verbraucher kann das gesamte Ausmaß schlichtweg nicht überblicken. Daher ist unsere Politik gefragt, insbesondere die zuständigen Ministerien. Stimmt ebenfalls, aber die Realität zeichnet nach wie vor ein anderes Bild. Alleine ein Blick auf die schleichende “Ermittlungsarbeit” des NSA-Untersuchungsausschusses spricht Bände. Andrea Voßhoff, ihres Zeichens Bundesdatenschutzbeauftragte, kämpft um den Ausbau ihrer Behörde. Ende vom Lied: Sie wird wohl trotzdem an der kurzen Leine der Bundesregierung gehalten werden.


Richard David Precht – Big Data schlimmer als 9/11 o. Charlie Hebdo

Strafen können die Datenschützer auch keine verteilen. Lediglich mit dem Gang an die Öffentlichkeit drohen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Das wird weder Google, noch Facebook jucken. Beide stehen immer wieder in der Kritik. Es schadet vielleicht ein bisschen. Doch die Nutzerzahlen sprechen eine andere Sprache.

Precht hat mit seinen Aussagen vollkommen recht. Doch manch einer könnte ihm unterstellen, dass er bessere Reden schwingt, als er Lösungen liefert. Naja, dafür ist er Philosoph. Oder hatte Sokrates für jedes Problem den richtigen Ansatz parat? Nein, aber die passende Antwort mit Sicherheit.


Avatar von reraiseace
Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

2 Kommentare – Schreib mir deine Meinung!

Fülle bitte die nachstehenden Felder aus. Angaben mit einem Sternchen sind Pflichtangaben. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

  1. Kommentar von Thomas · · #

    Ein klassischer Fall von “dual use”, es gibt viele Techniken die sich dafür nutzen lassen sowohl Waffen als auch andere Dinge herzustellen, ohne viel an diesen Techniken zu verändern. Genauso verhält sich mit Big Data, zum einen geeignet dem User interessante Dinge zu liefern zum anderen genauso geeignet den User vollständig zu überwachen.

    Für den einen Fall zeigt uns unser Smartphone in einer neuen Stadt Dinge an die uns wirklich interessieren, und nicht bloß Zufälliges, zum anderen schließen die Daten darauf was wir in dieser Stadt vorhaben könnten.

    Ich denke Precht hat unrecht, wenn er sagt, die Menschen würden Facebook nur nutzen weil sie unmündig wären. Die Meisten wissen ziemlich genau worauf sie sich einlassen. Und sie wissen auch welche Folgen das hat. Zudem, etwas was auch immer wieder vergessen wird, auch in analogen sozialen Netzwerken verzichten wir auf Privatsphäre.

  2. Kommentar von reraiseace · · #

    Klar, die Medaille hat immer zwei Seiten. Aber ich finde es dennoch richtig, das Herr Precht davor warnt.

    Was Facebook betrifft, da scheiden sich die Geister. Einerseits ist der Bürger sicherlich mündig, andererseits aufgeklärt. Ich denke mal Precht hat das verallgemeinert, damit die Tragweite bewusster wird. Seine Worte sollen ja auch zum Diskutieren einladen und zum Nachdenken anregen.