Wer Java kann, versteht noch lange nicht das Netz

Ich muss über die Forderung von Regierung und Tech-Unternehmen immer nur schmunzeln. Sie wollen doch wirklich Programmieren als zweite oder gar dritte “Fremdsprache” an den Schulen etablieren. Alleine schon beim Lesen des Satzes wird einem schnell klar, wie viel Unsinn dahinter steckt. Programmierung ist keine Sprache, sondern umfasst eine Vielzahl an verschiedenen Programmiersprachen, welche sich in verschiedene Generationen von Sprachen einteilen lassen. Entweder mit einem stärkeren Bezug zur Maschinensprache oder wesentlich abstrakter und fast schon losgelöst von herkömmlichen Programmiersprachen. Aber es ist keinesfalls eine Sprache, die gesprochen wird oder wo man etwa Vokabeln lernen könnte. Also das komplette Gegenteil zu Deutsch oder Englisch. Beim Erlernen einer Programmiersprache geht es auch gar nicht um das Auswendiglernen irgendwelcher Wörter, sondern darum logische Zusammenhänge in Quellcode umzuwandeln und damit ein Programm zu entwerfen.

Quellcode schreiben (Quelle: marissa anderson, Liz. CC BY 2.0)
Quellcode schreiben (Quelle: marissa anderson, Liz. CC BY 2.0)

Dazu gehört einiges an mathematischem Wissen und logischem strukturiertem Denkvermögen. Das soll nun folglich jedes Kind erlernen? Das wird scheitern. Mal ganz davon abgesehen hätten wir dann eine ganze Generation von Programmierern. Gruselig, das Berufsfeld wäre dadurch komplett ruiniert. Total überlaufen. Diese Forderung schrammt wie die Titanic am Eisberg vorbei. Es geht doch gar nicht darum, dass die Kinder von heute/morgen eine Programmiersprache erlernen sollen. Nein, das brauchen sie schlichtweg nicht. Was ihnen fehlt, ist der richtige Umgang mit dem PC und dem Internet. Wer soll ihnen das vermitteln, wenn die Lehrer oftmals derart unqualifiziert sind? Meist wissen es die Eltern genauso wenig besser. Der Informatikunterricht, selbst zu meiner Schulzeit sollte uns im Bereich des Computers und des Internets bilden — vorbereiten, teilweise ein bisschen sensibilisieren.

Aufklärung statt Programmiersprachenunterricht

Genau das brauchen die Kinder an den Schulen. Sie müssen verstehen, was ihr Dasein in einem sozialen Netzwerk verursacht. Was ein veröffentlichtes Bild anrichten kann. Wie ein Computer von innen aussieht. Welche Mechanismen es zum Schutz der eigenen Daten gibt. Wo gefahren im Internet lauern. Wie man mit staatlicher Spionage umgehen sollte. Welche Verschlüsselungsmechanismen es gibt. Um nur einige Fragen aufzuführen. All das und noch so viel mehr, muss in den Informatikunterricht rein. Kinder müssen für diese Thematik sensibilisiert werden. Sie gehen heute so selbstverständlich damit um. Das war bei uns damals teils ganz anders, da der Boom gerade erst aufkam. Wir hatten viel mehr Zeit und auch den nötigen Respekt davor uns damit hinreichend auseinander zusetzen. Doch längst nicht alle, da besteht Nachholebedarf.

Kinder entdecken den PC (Quelle: Jean-Pierre Dalbéra, Liz. CC BY 2.0)
Kinder entdecken den PC (Quelle: Jean-Pierre Dalbéra, Liz. CC BY 2.0)

Kinder von heute befassen sich eher selten mit den Zusammenhängen des Webs. Sie können es bedienen und das genügt ihnen. Kinder müssen diese spannende Welt entdecken, sie verstehen und neu erfinden. Das sorgt dann zusätzlich für neue Innovationen im digitalen Raum. Es ist viel wichtiger die Menschen über das Web und den PC aufzuklären, anstatt ihnen einen Stempel auf die Stirn zu pressen. Unsere aktuelle Netzpolitik ist hierfür ein prädestiniertes Negativbeispiel. Der IT-Gipfel am Dienstag machte erneut deutlich, wie wenig unsere Politiker vom Internet verstehen. Allen voran Angela Merkel, dicht verfolgt von Thomas de Maiziere und Sigmar Gabriel. An dem jetzigen Diskurs muss sich etwas ändern. Wir brauchen keine Hundertschaft Programmierer, sondern aufgeweckte gebildete Netzpeople.


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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