Tech-Newswahn: Liest du noch oder kotzt du schon?

Technikfans gieren förmlich nach neuen Informationen, möge sie noch so winzig sein. Aus allem wird momentan ein Skandal oder eine Hammer-Meganews gemacht. Es vergeht kein Tag, an dem mich diese kleinen Blogpöstchen so nerven, wie aktuell. Oh, da ist iOS 11elf1elf auf einem ersten Screenshot aufgetaucht. Kam nicht gerade erst iOS 8 final heraus? Ja, Schnee von gestern. Wir wollen schon heute das haben, was erst übermorgen kommt. Abwarten fällt manchem Technikbegeisterten auch so extrem schwer. Bendgate war eine hammerfeste Affäre, dabei waren gerade einmal 9 Geräte betroffen. Neun, noch mal als Wort ausgeschrieben. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ganze neun verbogene iPhones brechen einen solchen Skandal vom Zaun. Im Grunde ist die durchschnittliche Aussage nun: Das iPhone 6 Plus verbiegt sich in der Hosentasche oder durch bloße Gedankeneinwirkung (Uri-Geller-Style).

Löffelbiegen (Quelle: Katy Warner, Liz. CC BY-SA 2.0)
Löffelbiegen (Quelle: Katy Warner, Liz. CC BY-SA 2.0)

Ein PR-Desaster, wie es im Buche steht. Trotzdem schädigt es keinesfalls die Verkaufszahlen. Aber die Aufschreie im Netz waren wahrlich groß. Genauso auch der Spalt an der Seite des neuen Samsung Galaxy Note 4. Gapgate nannte es die Techpresse liebevoll. Dabei ist es vom Hersteller gewollt und definitiv weder ein Skandal noch eine Erwähnung wert. Aber Techis sind in vielen Belangen gleichermaßen nerdig veranlagt wie Hardcore-Otakus. Selbst renommierte Zeitungen oder Presseabteilungen lassen sich mittlerweile sehr gerne dazu verleiten, auf den rasenden Überschallgeschwindigkeits-Schnellzug “Techwelt” aufzujumpen und im dirty Bloggerstyle abzurocken. Wie seriös ist Tech-Journallie heute?

Heute ist echt Tag der bekloppten Tech-Falschmeldungen. "Ich hab nen #bandgate Windows 12 Phone mit iOS 91elf1elf inklusive #GapGate"
GFX-Stylez.blog (@reraiseace) 1. Oktober 2014

Entgegen jeglicher Sachlichkeit mutieren viele Redakteure ganz freiwillig zu PR-Beratern der Techunternehmen. Die Vorstellung der neuen iPhone-Modelle ist hierfür ein Paradebeispiel. Im Vorfeld wurden sämtliche zu erhaschendenden Gerüchte breitgelatscht und die Keynote per Liveblog, Ticker oder kurze Berichteinschübe in Echtzeit publiziert. Innerhalb der nächsten Tage war dies die Nummer 1 News auf so ziemlich jedem Portal. Ukraine, IS, Ebola — weitestgehend Nebensache. Ein gefundenes Fressen für mediengeile Journalisten und Techn3rds.

Der Skandal, der keiner ist oder Reise nach Jerusalem

Vor wenigen Tagen kam mir dann fast der morgendliche Kaffee wieder hoch. Da schreiben doch wirklich Blogger, wie Newsseiten über eine schlechtere Kameraqualität bei Sonys neuem Flagschiff Xperia Z3 Compact, wenn der Bootloader entsperrt wird. Nein, erzählt nicht. Das ist ein ganz neues Problem. Mit Nichten. Diese Thematik beschäftigt Sony-Nutzer seit mindestens einem Jahren. Sony bietet die Bravia Engine, welche für die verbesserte Bildqualität verantwortlich ist, eben nur mit geschlossenem Bootloader an. Beim Unlocken gehen die DRM-Keys verloren. Daher sollten diese zuvor mit Root-Rechten gesichert werden. Das soweit zum Hintergrund. Diese Meldung zeigt mir erneut einmal mehr, wie newsgeil Techmedien sind.

Wie die Geier (Quelle: docentjoyce, Liz. CC BY 2.0)
Wie die Geier (Quelle: docentjoyce, Liz. CC BY 2.0)

Sie stürzen sich auf alles, was sie bekommen können. Den Unterschied zwischen schlechtem Boulevard-Journalismus und Tech-Berichterstattung ist manchmal kaum auszumachen. Quantität überwiegt die Qualität. Gute Recherche brauchen Tech-Redakteure scheinbar immer seltener. Ne ist auch Quatsch. Wozu soll ich aufwendig meine Quellen prüfen, wenn man es genauso gut einfach rausknallen kann. Wird schon passen. Jetzt habe ich ein wenig meinen Frust über die Tech-Szene abgelassen. Ich zähle mich selbst dazu, möchte aber keineswegs meine Grundsätze verraten. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, das Online-Redakteure, egal ob Journalist oder Blogger, mehr in sich gehen und sich Gedanken machen. Über Technik bloggen soll doch Spaß machen, dem Leser gute Informationen liefern und die Liebe zur Techwelt zelebrieren.

Dieses Breitgetrete von allen greifbaren Nachrichten ist ein zerstörerisches Übel. Nicht jeder Newsfetzen ist einen Beitrag wert. Nicht jeder Hype will gehyped werden. Tech-Gates gibt es nicht, das sind bloß PR-Metaphern. Gute Recherche und Qualität der Beiträge sind das Einmaleins des guten Onlineredakteurs. Über etwas schreiben, wovon man keinen Plan hat, kann jeder. Das fliegt jedoch schnell auf. Umgekehrt wird ein guter Schuh draus.

Tech-News brauchen wieder mehr Qualität und Anspruch!


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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