Die WM im Livestream, zwischen Minecraft und Standbild

Die WM ist vorbei, Deutschland ist Weltmeister. Also Zeit genug, um auf das Event zurückzublicken. Wir, meine Freundin und ich, haben die WM 2014 das erste Mal nicht über den Fernseher verfolgt, sondern per Livestream. Meiner Meinung nach bringen die meisten Sender einfach nur noch Schrott. Daher kündigte ich meinen Kabelvertrag bereits vor einiger Zeit. Im Grunde kann man sich interessante Sendungen genauso gut online anschauen. Die Freude auf die Spiele war groß, die Enttäuschung allerdings auch. Die ARD und das ZDF hatten für das Großevent eigentlich ordentlich aufgefahren. Mehrere Livestreams, Social TV und anderen App-Schnickschnack. Wem Müllers Tore nach der 10. Wiederholung nicht reichten, konnte aus 42 Blickwinkeln wählen. Reizüberflutung pur. Gleichermaßen, wie bei den Livestreams. Die Qualität war meist zweifelhaft.

Subpixel-Tetris, statt packendes Fußballspiel
Subpixel-Tetris, statt packendes Fußballspiel

Bei nahezu jedem Spiel pausierte der Stream oft kurzzeitig oder brach gleich komplett ab. Recht häufig kam die Übertragung nicht richtig mit und so wurde ein Fußballspiel zur Minecraft-Fortsetzung. Da spielten plötzlich Subpixel gegen eine 8-Bit-Mannschaft. Mal ganz davon abgesehen, dass der Stream in der Regel eine Verzögerung von 60-120 Sekunden aufwies, inklusive gelegentlicher Déjà-vu-Erlebnisse in Form kurzer Wiederholungen. Beim ZDF war der Livestream im direkten Vergleich zur ARD etwas besser. Die Ausfälle waren hier nicht so derb. Aber Fußballfreude kam auch beim Zweiten kaum auf. Angesichts solcher Probleme machte Fußball schauen absolut Laune. Dabei lief der Stream noch nicht mal in atemberaubender HD-Qualität. Besser so, sonst wäre die WM wohl eine Ansammlung von Standbildern geworden. Sehr schade. ARD und ZDF bewiesen sehr eindrucksvoll, wie viel Wert sie auf das Medium Internet legen. Hauptsache Spitzen-High-Quality-Übertragung für die 4K-Glotze.

Der Livestream ist das Fernsehen zweiter Klasse

Das Internet war scheinbar für beide Fernsehsender eher Nebensache — zweite Klasse, wie bei der Deutschen Bahn. Dass es auch anders geht, bewies Google bei seiner alljährlichen Entwicklerkonferenz Google I/O. Über den Livestream schaute die halbe Welt gebannt auf die Monitore. Zu Beginn gab es kleinere Problemchen, aber alles halb so wild. Ansonsten lief der Stream 1A in HD! Wieso schaffen ARD und ZDF das nicht? Zumal nur Zuschauer aus Deutschland zugreifen konnten. Beide Fernsehsender wussten im Vorfeld, was auf sie zukommen würde. Daher hatten sie Zeit genug, entsprechende Vorbereitungen zutreffen. Sollte man meinen. Andererseits bestätigt mich dies in meiner Meinung: Deutschland ist noch meilenweit vom richtigen Zeitgeist des Internets entfernt. Kein Wunder, dass die NSA den BND förmlich auslacht.

Livestream verpasst? Spul einfach zurück.
Livestream verpasst? Spul einfach zurück

Das hätte der öffentlich-rechtliche Rundfunk deutlich besser meistern können. Solche groben Schnitzer dürfen bei einer Fußball-Weltmeisterschaft nicht passieren. Da muss wirklich alles wie am Schnürchen laufen. Kleinere Ausfälle kann man verschmerzen, aber keinesfalls solch gravierende Schwierigkeiten. Beide Sendeanstalten sind offenbar nicht in der Lage ein derart großes Ereignis ohne größere Probleme abzuwickeln. Traurig. Am Ende bleibt eine Blamage³. Beide Sender sollten aus den Einnahmen der Haushaltsabgabe mal mehr machen, anstatt das Geld in den 1000. Tatort oder Rosamunde Pilcher zu knallen. Dann wird das vielleicht zur EM 2016 endlich was mit dem Livestream. Sonst müssen wir die Europameisterschaft leider im Fernsehen schauen …


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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