Adams Alptraum: Mord wichtiger als Snowden-Interview

Dem Norddeutschen Rundfunk und der ARD ist es gelungen, den Snowden-Themenabend gehörig in den Sand zu setzen. Für beide Sendeanstalten wäre es die große Chance schlechthin gewesen, als deutsche Fernsehsender ein exklusives Interview mit Edward Snowden, nach dessen Flucht aus Hongkong, zu führen. Stattdessen strahlten sie das Gespräch erst 23:00 Uhr aus, zeigten zuvor Günther Jauchs Diskussionsrunde zum Dialog des Whistleblowers. Die geladenen Gäste waren wenig überzeugend: Ex-US-Botschafter John Kornblum, Bild-Chefreporter Julian Reichelt, Bundestagsabgeordneter Hans-Christian Ströbele, Piratin Marina Weisband und Interviewer Hubert Seipel. Der Leichen-Counter schien relevanter, als die Brisanz der NSA-Affäre. Im Grunde war der vergangene Sonntagabend ein wahrer Albtraum, nicht nur für Adam.

Snowden-Themenabend — ein Trauerspiel in drei Akten

"Adams Alptraum" sollte die Zuschauer auf das Nachfolgende einstimmen. Aber der Saarländische Rundfunk hatte sich hier schon gewaltig verrechnet. Das Ermittlerteam Stellbrink & Marx ermittelte diesmal im Cyberspace. Ihre Waffen: Smartphones und Chat-Accounts. Der komplette Fall erweckte den Eindruck einer realitätsfremden Lehrstunde digitaler Aufklärung. Man versuchte, dem Publikum Begrifflichkeiten des World Wide Webs zu verklickern. Offenbar galt das Augenmerk eher der älteren Fraktion. Daher verwundert es niemanden, wieso das Internet am Ende zum Mörder, sowie Abgrund allen Übels erklärt wurde. Die anschließende Talkrunde nahm einem jegliche Freude auf das darauf folgende Interview. Günther Jauch gelang es schlichtweg nicht, die Gesprächsrunde erfolgreich zu lenken. Obendrein brachte seine Redaktion auch noch Ausschnitte des Interviews durcheinander. Während der 3/4-stündigen Diskussion ging es scheinbar vordergründig um eine Frage: Edward Snowden — Held oder Verräter?


Snowden exklusiv – Das Interview | NDR

Julian Reichelt und John Kornblum wollten von staatlicher Massenüberwachung rein gar nichts wissen. Hingegen rangen die anderen drei Kontrahenten sichtlich um ihre Fassung. Herr Jauch wirkte entspannt, nachdem das Streitgespräch der fünf Teilnehmer endgültig gescheitert war. Danach folgten die Tagesthemen, wo das Interview abermals thematisiert wurde. Erst danach zeigt die ARD den 32-minütigen Dialog zwischen Hubert Seipel und Edward Snowden, allerdings nicht im Originalton. Dafür sollen angeblich rechtliche Probleme verantwortlich gewesen sein. Ansonsten kann man an dem Gespräch kaum etwas aussetzen. Aber Snowden verkündete wenig Neues, da er weitere Veröffentlichungen den Journalisten überlassen möchte. Russland fordere, als Asyl-Auflage, keine zusätzliche Schädigung Amerikas mehr durch ihn. Ein paar Andeutungen ließ Snowden trotzdem fallen. Der Rest beruhte weitestgehend auf logischen Zusammenhängen, beispielsweise Wirtschaftsspionage der Geheimdienste oder die gute Zusammenarbeit zwischen NSA und BND.

Fazit: Das Erste zeigte sich unfähig, einen anständigen Themenabend zu organisieren. Worum ging es denn nun eigentlich? Um den verkorksten Tatort, das böse Web, die öffentliche Meinung über Edward Snowden oder um den Standpunkt zum Überwachungsskandal? Diese Frage wird uns die ARD wohl schuldig bleiben. Sie haben erneut bewiesen, was sie aus den Zuschauergebühren machen. Hubert Seipel führte das Gespräch mit Snowden sehr korrekt. Die restliche Rahmengestaltung glich einem absolutem Alptraum. Die ARD hat diese große Chance verpulvert. Mir ist genauso schleierhaft, weshalb der Sender gute Sendungen meistens erst zu später Stunde ausstrahlt. Hatte man Angst davor, dass Zuschauer aus dem Fenster springen würden, nur weil der Krimi einem vielleicht wichtigen Thema weichen könnte?


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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