3 Android-Mythen rund ums Flashen von Custom ROMs

In der Android-Welt basiert sehr vieles auf Erfahrungswerten. Das ist im Grunde auch nicht schlecht. Doch ein entscheidender Nachteil an der Methode "Versuch und Irrtum" sind manchmal Fehlinterpretationen. Dadurch wird gelegentlich falsches Wissen weitergegeben. Gerade auch, wenn es um das Flashen von Custom ROMs geht, existieren vielerlei Mythen. So manche Überlieferung bringt jedoch selten den gewünschten Erfolg. Führt beispielsweise das mehrmalige Löschen des Dalvik Caches dazu, dass die Software stabiler läuft? Sollte man keine Daten aus einem Backup wiederherstellen, sondern neu einrichten? Nach einem ROM-Wechsel müssen immer die Batterystats gelöscht werden, um den Akku neu zu kalibrieren? Ich bin diesen Geheimnissen auf den Grund gegangen.

Mythos 1: Doppeltes Löschen bringt mehr Stabilität

Viele Entwickler von Custom ROMs verweisen in ihren Anleitungen meist darauf, dass vor dem Flashen der ROM unbedingt ein Werksreset, eine Cache und Dalvik Cache Säuberung erfolgen sollte. Anschließend natürlich noch mal sämtliche Caches entleeren. Funktioniert die Software dadurch tatsächlich besser? Diese Legende hält sich wacker und doch ist sie eigentlich unsinnig. Schauen wir uns die Anweisungen einmal im Detail an. Zuerst der Werksreset: Dieser löscht die Ordner data, cache und .android_secure auf der Speicherkarte. Der Dalvik Cache lagert im Data-Ordner. Die nachfolgenden Löschaktionen sind überflüssig, da bereits durch den Factory-Reset alles bereinigt wurde. Beim zweiten Mal eliminiert man quasi nichts. Wieso schreiben es die Entwickler trotzdem in ihre Howtos? Die Gründe dafür können sehr vielfältig sein.

ClockworkMod Recovery auf meinem Galaxy S2
ClockworkMod Recovery auf meinem Galaxy S2

Zum einen wissen sie es schlichtweg nicht besser oder aber sie wollen versuchen Fehlerquellen auszuschließen. Wobei gerade das Leeren von Cache und Dalvik Cache rein praktisch keinerlei Effekt hat. Das Android-System überprüft im laufenden Betrieb, und während eines Gerätestarts, ob die gecachten Anwendungen aktuell sind, andernfalls legt es entsprechende Optimierungen erneut an. Das Bereinigen des Caches bewirkt nur in seltenen Ausnahmefällen etwas Positives. Daher gilt für das Aufspielen einer neuen Custom ROM folgende einfache Faustregel: formatier den System-Ordner und führe einen Werksreset durch.

Mythos 2: Keine Daten aus einem Backup wiederherstellen

Ein weiteres Gerücht, welches schwer vom Thron zu schubsen ist, wäre das Wiederherstellen aus Backups beim Wechsel einer Custom ROM. Dabei sollen schon häufiger Probleme aufgetreten sein. Deshalb raten viele Entwickler dazu, nach der Installation das Gerät gleich neu einzurichten. Diese Behauptung ist teilweise korrekt. Wir müssen uns zunächst darüber klar werden, was alles unter den Begriff “Backup” fällt. Dazu zählen zum Beispiel: NANDROID-Sicherungen, Titanium Backups, Abbilder anderer Apps, SMS-Verläufe, Kalender in Form einer XML oder Textdatei, Sicherungen der App-Daten durch Google oder Helium usw. Es hängt eindeutig von der Backupstrategie ab. Vollständige System-Backups oder Titanium Sicherungen sind wiederum selten eine gute Idee. Dadurch treten öfter Fehler auf, weil mit der neuen ROM einige Dateien nicht mehr richtig laufen. Dann sind App-Abstürze an der Tagesordnung.


Carbon – Android’s missing Backup solution

Seit geraumer Zeit kann der Google-Account auch App-Daten sichern. Der CWM und CM-Entwickler Koushik Dutta präsentierte vor knapp einem Jahr seine tolles Tool Helium, ehemals Carbon. Damit lassen sich nahezu alle App-Daten retten. Einzige Voraussetzung dafür ist Android 4.0. Selbst ohne Root-Rechte können Anwender diese Funktion verwenden. Im Grunde stellt die Vorgehensweise über nonroot Programme eine unproblematischere Art und Weise dar. Mein Artikel "Android-Datensicherung ohne Root bewerkstelligen" gibt euch einen guten Überblick. Kurz um: am zweiten Mythos ist etwas Wahres dran, es hängt allerdings von der Backup-Methode ab. Daher besser keine NANDROID-Sicherungen oder Titanium Backups wiederherstellen. Stattdessen lieber auf den Google-Account, Helium oder andere kleine Anwendungen setzen.

Mythos 3: Löschen der Batterystats kalibriert den Akku

Google-Entwicklerin Dianne Hackborn entkräftete dieses Mysterium bereits vor rund 2 Jahren. Trotzdem beharren viele Nutzer immer noch darauf, dass das Löschen der batterystats.bin und anschließendes Laden/Entladen dabei helfen würde, den Akku neu zu kalibrieren. Dass die Aussage von der Ingenieurin stimmt, kann jeder ganz leicht selbst überprüfen. Die batterystats.bin steckt im Data-Ordner. Normal wäre bei einem Werksreset alles weg. Daher erscheint es schon unwahrscheinlich, dass die These der Community der Wahrheit entspricht. In die Datei kann man zwar nicht einfach so hereinschauen, aber mit einem Hex-Editor tauchen bekannte Prozesse auf. Dort wird lediglich gespeichert, was seit dem letzten Ladevorgang wie viel verbraucht.

Inhalt von /data/system/batterystats.bin im Hex-Editor
Inhalt von /data/system/batterystats.bin im Hex-Editor

Es ist also nur die Nutzungsstatistik. Apps wie der WakeLock Detector bereiten solche Daten optisch nochmals auf. Bei jedem längeren oder vollständigen Ladevorgang entfernt das Android-System die Datei automatisch. Danach wird die Statistik neu gefüllt. Es kommt auch eher selten vor, das nach einem ROM-Wechsel der Akku falsch kalibriert ist. Sollte dieser missgünstige Fall doch einmal eintreten, hilft ein kompletter Lade- und Entladevorgang meist aus. Wobei man mit Tiefentladungen aufpassen muss. Da die meisten Smartphone-Akkus dies schlecht vertragen, darf das nicht zu häufig vollzogen werden. Dieses Verfahren ist eigentlich das Einzige, welches etwas an der Kalibrierung verändern könnte. Die Hardware-Steuerung erfolgt über den Kernel.


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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