Internet-Überwachung ist kein nationales Problem

Unser Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich forderte jüngst einen nationalen E-Mail-Verkehr. “E-Mail made in Germany” — sagt das einem noch was? Das war die wahnwitzige Idee von der Deutschen Telekom, GMX und Web.de deutsche E-Mails nur noch über deutsche Server laufen zulassen. Nun hat die Deutsche Telekom den nächsten PR-Clown losgetreten: “Ein deutsches Netz für Deutschland.” Schlandtastisch, kann ich da nur sagen! Auf so eine Idee wäre nicht mal die NSA gekommen. Okay, die versteht das Internet schließlich auch besser als unsere Regierung und Herr Obermann. Um es gleich vorweg zunehmen: Spionage durch Geheimdienste und andere Organisationen werden sich auf keinen Fall durch ein nationales Netz verhindern lassen. Das World Wide Web heißt so, weil es weltweit ist. An der deutschen Grenze wird es wohl kaum haltmachen und sagen: “Oh, da darf ich nicht rüber.” Die Überwachung durch die Nachrichtendienste ist ein internationales Problem, kein nationales!

Falsche Sicherheit durch nationalen Gedanken schüren

Diese lächerliche PR-Aktion von wegen “deutsches Internet”, stärkt einzig die heiß geliebte Monopolstellung der Deutschen Telekom. Denn jeder halbwegs gebildete Bürger dürfte in der Lage sein, zu verstehen, worum es hier geht. Da wird von Routing gesprochen, welches ausschließlich über deutsche Knotenpunkte gehen soll. In erster Linie wäre das ein sehr teurer Spaß. Die meisten Provider haben mit anderen großen Anbietern Peering-Verträge geschlossen. Bedeutet: Ich lass deine Daten durch mein Netz und du im Gegenzug meine eigenen. Das klappt ganz gut und zumeist auch kostenlos für beide Seiten. Warum sollten wir daran jetzt etwas ändern wollen? Ach ja, um einen besseren Schutz vor Überwachung zu gewährleisten. Nein! Das muss ich mit Bestimmtheit sagen. Selbst wenn das Routing nur über nationale Server läuft, landen wir früher oder später ganz automatisch auf ausländischen Servern. Da reicht der Besuch bei Google, Facebook oder Microsoft schon aus.

Spy Hole Girl Sketch (Quelle: Surian Soosay, Liz. CC BY 2.0)
Spy Hole Girl Sketch (Quelle: Surian Soosay, Liz. CC BY 2.0)

Gehen wir trotzdem mal davon aus, dass ein “deutsches Web” gegen die Bespitzelung ausländischer Geheimdienste helfen würde. Selbst dann sind die Spione in der Lage uns zu belauschen. Im Zuge der Spähkrise geriet auch die Deutsche Post in teils heftige Kritik. Sie sollen Briefumschläge mit Anschrift und Absender zur Dokumentation abfotografieren. In jedem Land dieser Erde halten sich ebenso Geheimdienstler verschiedenster Nachrichtendienste auf. Daher kann man von ausgehen, wenn unsere Daten nicht mehr über deren Knotenpunkte rennen, packen sie uns direkt an der Wurzel. Mit der Telefonüberwachung klappt das schließlich gleichermaßen. Also was haben wir gekonnt? Nichts. Wir dürfen jedoch mehr blechen und uns unsere Sicherheit sonst wo hinstecken. Scheinbar versucht die Deutsche Telekom den Sicherheitsgedanken vor den Netzausbau zu spannen. Dieser kränkelt seit Jahren vor sich hin. Also eher Image-Rettung, anstatt ritterlichem Einsatz. Das Thema muss an ganz anderer Stelle attackiert werden.

Allerdings wird kein Politiker auf die Idee kommen, diesen “heiligen” schmutzigen Gral anzupacken. Dementsprechend können wir nur für uns persönlich die eine oder andere Vorkehrung treffen. Die digitale Abschottung wird zwar von vielen moniert, aber in gewissen Zügen macht sie durchaus Sinn. Wie ich es bereits öfter angesprochen habe, müssen wir anfangen zu begreifen, was hier passiert und vor allem auch, was mit unseren Daten geschieht. Kann ich ein Bild von mir ins Netz stellen, wo ich total besoffen bin? Welche Auswirkungen wird das haben? Sehr viele Menschen denken immer noch: “Ach, die interessieren sich doch gar nicht für mich. Ich hab nichts zu verbergen.” Doch hast du. Wenn du deine Arbeit wegen dieses Bildes verlierst, dann wirst du anders darüber denken.


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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