Android-Gerätehersteller zappeln in der Google-Falle

Android schafft es aktuell auf einen Marktanteil von ca. 80 Prozent. Aber der Platzhirsch hat ein schwerwiegendes Problem: Fragmentierung. Was bedeutet das? Einfach ausgedrückt, dass es viele Hardwarehersteller gibt, die auf das Open Source System setzen und zugleich ihr eigenes Software-Süppchen kochen wollen. Das Gericht schmeckt jedoch nicht allen. An der Spitze natürlich Google. Seit 2010 versuchen sie diese Schwierigkeiten in den Griff zubekommen. Deshalb veröffentlichen sie in letzter Zeit viele Google Apps für fast alle Nutzer über den Play Store. Die Google Play-Services oder die neue Spiele-API stellen ebenso eine Bekämpfung der Fragmentierung dar. Allerdings steuert das Android-System immer mehr auf Closed Source zu. Wie sinnvoll ist diese Entwicklung?

Google versucht das Forken von Android zu unterbinden

Den Mitgliedern der Open Handset Alliance (OHA) ist es seitens Google nicht gestattet, Android zu Forken oder für andere Unternehmen ein Derivat zu entwickeln. Google stellt dies relativ clever an. Die Mitglieder erhalten die Erlaubnis, die Google Apps auf ihren Geräten zu verwenden, verpflichten sich aber gleichermaßen dazu keine Abspaltungen des Android-Systems vorzunehmen. Die Apps unterliegen den Lizenzbestimmungen von Google. Wer also kein Teil dieses “elitären” Kreises ist, hat es schwer auf dem rauen Smartphone-Markt. Amazon kann mit seinem Kindle Fire ein Lied davon singen. Sie gehören nicht zur OHA und versuchen mit ihrem Android-Fork zu überleben. Aber sie können beispielsweise nicht mit den großen Herstellern zusammenarbeiten, da diese sonst ihren Status verlieren würden. Daher stehen nur wenige Hardwareanbieter bereit.

Android gefangen im Netz (Quelle: Daniel Sancho, Liz. CC BY 2.0)
Android gefangen im Netz (Quelle: Daniel Sancho, Liz. CC BY 2.0)

Die Mitglieder der OHA müssen langfristig nach Alternativen suchen, um ihre Existenz zu sichern. Denn Google sitzt eindeutig am längeren Hebel. Heute sind sie Freunde, aber was ist morgen? Aus diesem Grund versucht sich Samsung an der Entwicklung von Tizen. Der Erfolg sei mal dahingestellt. Jedoch ist es schwer, das Rad neu zuerfinden. Hauptsache kein Android. Neben dem Fork-Verbot knebelt Google seine “Mitstreiter” zusätzlich mit dem Google Apps Paket. Das gibt es ausschließlich komplett oder gar nicht. Demnach müssen alle kooperierenden Hersteller diese Sammlung vollständig auf ihre Geräte bringen. Google obliegt, welche Apps Teil dieses Bundles sind. Die Hersteller haben keine Wahl, wenn sie im Android-Geschäft mitmischen möchten. Aus eben diesem Grund findet man bei Samsung oder Huawei auch einen eigenen App Store. Hier versuchen die Hersteller, ein wenig unabhängiger zu sein.

Das verhängnisvolle Spiel mit den Google-Play-APIs

Die wohl wichtigste Fesselung sind die Google-Play-APIs. Google verlangt die Verwendung seiner Apps und seiner Schnittstellen. Das hat un­ter an­de­rem den Vorteil, dass keine neuen Wege erfunden werden müssen und zugleich bietet es einen gewissen Missbrauchsschutz. Dem gegenüber entsteht jedoch wieder diese gewollte Abhängigkeit. Teilweise suggeriert Google mit der Implementierung neuer Funktionen in die APIs auch, dass Firmware-Updates mehr oder weniger überflüssig sind. So nach dem Motto: Die Hersteller brauchen keine Updates bringen, das macht Google mit den APIs und Apps. Um ehrlich zu sein, ist das Android-System seit Ice Cream Sandwich besser geworden und mit Jelly Bean gereift. Was 2007 als Open Source Unternehmung startete, ist heute ein brachialer Mix aus geträumtem Open Source Gedanke und knebelnder Closed Source Maschinerie. Im Grunde muss Android unweigerlich eine Wandlung vollziehen, um dem Desaster der stetigen Fragmentierung zu entgehen.

Android steht im Regen (Quelle: Uncalno Tekno, Liz. CC BY 2.0)
Android steht im Regen (Quelle: Uncalno Tekno, Liz. CC BY 2.0)

Die Frage ist nur, ob Open Source oder Closed Source. Beides zusammen endet in dieser wunderbaren Knebeltaktik, die unweigerlich zu einem geschlossenen System führt. Für Android wäre das aus meiner Sicht jedoch weniger wünschenswert. Denn es ist nun mal ein Betriebssystem mit viel Individualismus. Dieser würde mit Sicherheit darunter leiden. Andererseits wäre die Fragmentierung einfach gelöst. Google kümmert sich um die Entwicklung des Android-Systems und die Hardwarehersteller bieten nur die Technik an. So simpel! Doch das ist es eben nicht. Die Zeit wird zeigen, in welche Richtung Android geht. Manch einer vergisst eventuell, das Google ein Unternehmen wie Apple oder Microsoft ist. Daher geht es ihnen genauso um Profit. Für die Entwickler von anderen mobilen Betriebssystemen könnte dies einen Nutzerzuwachs bedeuten. Gerade Firefox OS oder Ubuntu Touch könnten in naher Zukunft sehr attraktiv werden. Denn diese sind in jedem Fall Open Source.

Ich mag das Android-System nach wie vor, aber diese Entwicklung geht mir persönlich gegen den Strich. Wenngleich ich die Herangehensweise von Google verstehe, muss ich es keineswegs gutheißen. Daher hoffe ich, das sich der Open Source Gedanke auf kurz oder lang wieder Android behaupten kann. Eventuell mit einigen Verbesserungen, sodass zum Beispiel Hersteller-UIs optional verfügbar wären. Quasi ein Stock-Android made by Google, kombinierbar mit den jeweiligen Hersteller-Features.


Avatar von reraiseace
Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

0 Kommentare

Du kannst diesen Artikel nicht mehr kommentieren.