W3C: Bekommt HTML den virtuellen Maulkorb verpasst?

Das offene Internet, wie wir es bisher kannten, ist mal wieder in Gefahr. Wäre die NSA-Späh-Schnüffel-Krise nicht schon Aufregung genug. Nein, da muss sich auch noch das nervige Thema DRM im Browser dazwischen quetschen. Zwar hatte die Problematik bereits vor Edward Snowdens Enthüllungen eine gewisse Brisanz, verschwand aber erneut in der Versenkung. Vor knapp einer Woche hat W3C-Direktor Tim Berners-Lee eine Befürchtung wahr gemacht. Er sprach sich dafür aus, dass im HTML-Standard die geforderte Encrypted Media Extension (EME) integriert werden soll. Entwickler sind Netflix, Google und Microsoft. Ist diese Erweiterung nun wirklich so schlimm oder steckt dahinter doch nur eine harmlose Sicherungsfunktion? Gefährdet EME den freiheitlichen Grundsatz des HTML-Standards? Fragen über Fragen — hier ein paar Antworten aus meiner Sicht.

Der Browser mutiert zur virtuellen Fußfessel

Die Dokumentationsseite verdeutlicht sehr anschaulich, was die Encrypted Media Extension im Schilde führt. Die Erweiterung gleicht in groben Zügen der Funktionsweise eines DRM-Systems. Zum einen werden Schlüsselpaare benötigt und andererseits der Inhalt verschlüsselt. Der Grundgedanke von DRM-Systemen mag aus verschiedenen Blickwinkeln entweder total dümmlich wirken oder doch relativ sinnvoll. Es hängt vom Einsatzzweck und der Art und Weise ab. Solche Systeme möchte ich dennoch nicht gutheißen. Denn oftmals kommen sie da zum Einsatz, wo eine Person ein Produkt erworben hat und es anschließend jedoch nicht in vollem Umfang nutzen darf. Bei gekauften Musikstücken ist dies ein bekanntes Szenario. Daher ist die Grundhaltung gegenüber DRM eher negativ eingestellt. Wie schaut das aber nun im Webbrowser aus? HTML ist ein offener Standard und setzt sich für eine freie Entwicklung ein. EME widerspricht dem allerdings aus meiner Sicht. Denn diese Erweiterung sorgt dafür, das ein Webentwickler künftig mehr Zeit mit der Verschlüsselung von Medieninhalten verbringt.

iPod Defective by Design (Quelle: Gregory H, Liz. CC BY-NC-SA 2.0)
iPod Defective by Design (Quelle: Gregory H, Liz. CC BY-NC-SA 2.0)

Demnach lastet ebenso eine höhere rechtliche Verantwortung auf ihm. Der HTML-Standard bot noch nie eine derartige Einschränkung an. Eigentlich sollte es rein um die Auszeichnung von Webinhalten gehen. Ich empfinde es gelinge gesagt als eine Frechheit, das sich Unternehmen wie Netflix, Microsoft und Google das Recht herausnehmen einen freien Standard für ihre Zwecke zu missbrauchen. Möchten diese Konzerne ihre Medien so veröffentlichen, dass Nutzer sie nicht erhaschen können, dann müssen sie eben auf andere Mittel zurückgreifen. Microsofts Silverlight bietet schon seit Langem eine solche Möglichkeit an. Aber das Plugin sollte bald aufs Abstellgleis gestellt werden. Also versuchen sie die Funktion über HTML zu implementieren, um ihre Zukunft zu sichern. Sollte ihnen das gelingen, dann wäre Silverlight ganz schnell obsolet. DRM-Systeme würden damit auf einen Schlag Einzug in jeden Webbrowser erhalten. Der offene Standard entwickelt sich folglich zur Geißel aller Anwender.

W3C — das Wunschkonzert des World Wide Webs

Der Lauf der Zeit zeigt, das sowohl DRM, als auch Kopierschutzsysteme keine erfolgreiche Zukunft hatten. Die Medien wurden sehr schnell geknackt. Studien belegen zugleich, dass freie Medien sehr viel besser verkauft wurden. Augenscheinlich möchten sie die Rechte der Unternehmen stärken, erreichen jedoch das Gegenteil. Solche Systeme bringen immer den faden Beigeschmack der Zensur mit. Das ist allerdings mit den Grundsätzen des HTML-Standards nicht dialogfähig. Tim Berners-Lee versucht dies zu rechfertigen, in dem er eigentlich auf alle Wünsche eingehen möchte. Man kann aber nicht jedem seinen Willen geben. Sonst ist der HTML-Standard bald eine überdimensionierte verworrene “Blattsammlung”. Wo da das Gebot der “theoretischen Reinheit” erfüllt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. EME dient einzig und allein der Rechtesicherung einiger Unternehmen. Damit vertritt die W3C verstärkt eine Minderheit.

Defective by Design.org (Quelle: Gregory H, Liz. CC BY-NC-SA 2.0)
Defective by Design.org (Quelle: Gregory H, Liz. CC BY-NC-SA 2.0)

Bei der W3C läuft bereits seit Jahren nichts mehr richtig rund. Alleine im vergangenen Jahr sorgte die Abspaltung der WHATWG für ordentlich negative Schlagzeilen. Sie wollen den HTML5-Standard schnell vorantreiben. Dazu zählen rasche Implementierungen in die Webbrowser als auch sinnvolle Verbesserungen. Die W3C verfolgt eher gegensätzliche Interessen. Daher verwundert die Entwicklung an EME und einigen anderen Entwürfen eigentlich wenig. Aber die Kritik muss sich Tim Berners-Lee trotzdem gefallen lassen. Sie ist sehr wohl berechtigt und nicht einfach haltlos aus der Luft gegriffen. In meinen Augen verliert die W3C immer mehr an Authentizität. Ich kann mich nur gegen ein DRM-verseuchtes Internet aussprechen.

Defective by Design? Stoppt DRM im freien HTML-Standard!


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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