Sind Webseitenbetreiber selbst schuld an Adblockern?

Deutschlands bekannteste Presseseiten, darunter Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ, Zeit Online, golem.de und RPOnline appellieren wieder einmal an ihre Leserschaft. Diese möchten künftig bitte ihren Adblocker abstellen, damit die Seiten wieder mehr Werbeeinnahmen einfahren können. Diese Debatte ist weiß Gott nichts Neues und tobt mindestens einmal im Jahr im Netz und dennoch stößt das meist auf sehr viel Unverständnis seitens der Konsumenten. Verständlich oder nicht? Droht uns ansonsten bald eine Paywall, nur weil die Finanzierung über Seitenwerbung nicht ausreicht? Sind die Seitenbetreiber letzten Endes nicht selbst schuld an dem Debakel? Ich bin der Sache auf den Grund gegangen.

Die Portale schaufeln sich selbst ihr eigenes Grab

Ich stehe mit Seitenwerbung seit jeher auf Kriegsfuß. Das sag ich besser gleich zu Anfang. Aber ich verstehe trotzdem, dass sich Webseiten über Werbung finanzieren möchten. Das sollten sie sicherlich auch, denn eine Bezahlschranke wird wohl kaum einem Nutzer gefallen. Wie gut oder schlecht das funktionieren kann, hat uns Welt Online (Axel Springer lässt grüßen) demonstriert. Jetzt muss man sich aber ernsthafterweise die Frage stellen, wieso laden und nutzen so viele Menschen einen Adblocker? Die Antwort darauf kann einfacher nicht sein: Viele Seiten übertreiben es geradezu mit der Werbung. Ist der Aufschrei von Spiegel Online und Konsorten gerechtfertigt? Im ersten Moment ist er das, aber bei genauerer Betrachtung wiederum nicht. Ich habe das Experiment gewagt und meinen Werbefilter abgestellt. Das Ergebnis ist Augenkrebs pur!

Bei Sehstörungen auf faz.net, gehen Sie bitte zum Augenarzt!
Bei Sehstörungen auf faz.net, gehen Sie bitte zum Augenarzt!

Ich komme auf eine Seite und der Hintergrund ist mit Bierwerbung, Drosselkom Spam und o2 Blubber Blabla bepflastert. Zusätzlich bewegt sich alle paar Sekunden irgendwas. Liebe Presseportale, da könnt ihr nicht erwarten, dass eure Leser euch diesen Gefallen erweisen und den Werbeblocker auf eurer Seite abschalten. Daran werdet ihr auch nichts ändern, wenn ihr sie mit überdimensionierten Warnmeldungen zusätzlich abschreckt und in ihrer Haltung bestätigt. Werbung ist auf Webseiten okay, aber nur dann, wenn sie dezent wirkt. Davon kann auf betreffenden Webseiten mit Nichten die Rede sein. Das ist pure Penetranz! Das Ei hat man sich also selbst gelegt. Würden die Betreiber nicht so über die Stränge schlagen, würde Seitenwerbung auch besser akzeptiert werden.

Ein Adblocker dient der Sicherheit. Quatsch?!

Verfechter der Werbebranche sprechen sich immer wieder dafür aus, dass ein Adblocker keinerlei Relevanz für die Sicherheit darstellt. Dieser Behauptung möchte ich die Realität entgegenstellen. Im Februar 2013 wurden einige große US-Zeitungen, darunter auch die Washington Post, Opfer einer Malware-Warnung. Der Online-Werbedienstleister Netseer wurde gehackt. Alle User die einen Adblocker nutzten, sahen die vermeidlich schädliche Werbung gar nicht erst und liefen somit auch nicht Gefahr mit Schadsoftware infiziert zu werden. Alle anderen wiederum schon. In diesem Fall war jedoch alles halb so schlimm. Trotzdem ist es nicht das erste Mal, dass ein Werbeanbieter zur Virenschleuder mutiert. Wer möchte mir an dieser Stelle kühn entgegen treten und vehement behaupten, dass ein Adblocker kein Security-Feature darstellt? Freiwillige vor! Das ist aber nur eine Option. Eine andere Möglichkeit wäre beispielsweise die Sicherung der Privatsphäre.

die Werbung bei der Süddeutschen Zeitung lenkt zu sehr vom Inhalt ab
die Werbung bei der Süddeutschen Zeitung lenkt zu sehr vom Inhalt ab

Dienste wie Google AdSense verfolgen Seitenbesucher über viele Webseiten hinweg und analysieren so deren Wünsche, Kaufinteressen und schlagen ihnen daraufhin zielgerichtete Anzeigen vor. Den einzelnen Seitenbetreiber wird das nicht weiter interessieren, denn dieser verdient daran auch ein bisschen Geld. Den Nutzer könnte das aber stören. Ich finde es eine Frechheit, das uns Konzerne und Werbenetzwerke so stark überwachen wollen. Damit beeinflussen sie unsere Kaufentscheidungen und versuchen uns zu lenken. Dieses Verhalten sollte man nicht tolerieren. Die "Do not track"-Funktion (kurz: DNT) bietet einen ersten guten Ansatz. Aber von der Werbeindustrie wird diese nicht richtig akzeptiert, geschweige denn von allen berücksichtigt. Wieso auch, schließlich schadet es dem Geschäft. Mit dem Blockieren von Tracking-Cookies allein ist es aber nicht getan, um sich effektiv vor dieser Spionage zu schützen. Daher auch zusätzlich der Werbeblocker.

Kunden sind keine Kinder, sondern erwachsene Menschen

Unser Web 2.0 entwickelt sich mehr und mehr zum Spy Web. Jeder will alles über jeden wissen. Unternehmen interessiert es, was ihre Kunden denken. Daher pulsieren auch die Geschäfte mit Onlinewerbung, Kundendatenverkauf und Konsumententracking so wunderbar. Doch der mündige Nutzer sollte sich genau dagegen zur Wehr setzen. Daher ist der Einsatz eines Adblockers in den meisten Fällen eine sehr gute Wahl. Schließlich schützt er vor Schadsoftware, schützt die Privatsphäre und erspart einem den überflüssigen Weg zum Augenarzt. Also wie bereits erwähnt, sollten Seiten wie FAZ und Co. ihre Münder ein wenig geschlossener halten. Zumindest so lange, wie sie nicht in der Lage sind den Datenschutz der Kunden korrekt zu wahren und ihre Onscreen-Werbung so zu reduzieren, dass es erträglich wird. Da muss aber auch ein entscheidender Appell an die Werbebranche erfolgen.

Schwarz-Rot-Weiß, wenn das nicht in den Augen brennt
Schwarz-Rot-Weiß, wenn das nicht in den Augen brennt

Beispielsweise wird Mozilla in naher Zukunft Third-Party Cookies standardmäßig in Firefox blockieren, umso Nutzertracking zu unterbinden. Apples Safari setzt dies bereits erfolgreich um. Microsoft, die es mit dem Datenschutz (siehe Skype) nicht so genau nehmen, haben im Internet Explorer 10 per Default DNT aktiviert. Die Werbewirtschaft kritisiert beide Unternehmen hart. Klar, es geht hier schließlich um Umsätze in Milliardenhöhe. Nichtsdestotrotz kann man mit Menschen nicht so umspringen. Mein Vorschlag wäre ein Adblocker der gleich mit dem Browser installiert wird, ähnlich wie diese wunderschönen Toolbars. Das würde ich als sehr nützlich einstufen. Werbung ist wie gesagt, schön und gut, aber nicht auf Kosten der Sicherheit, Gesundheit und Privatsphäre der Nutzer. Sollte sich an dieser Haltung nichts ändern, wird diese Diskussion weiterhin bestehen bleiben.

Mein Werbeblocker bleibt deshalb weiterhin an und mein Blog nach wie vor werbefrei!


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

2 Kommentare

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  1. Kommentar von Zeddy · · #

    Sehr guter Blog muss ich sagen! ^^

    Ich empfehle Bekannten auch immer wieder einen Werbeblocker zu installieren – aus den oben genannten Gründen.

    Und ich bin ebenfalls der Meinung, dass auf vielen Seiten mit Werbung zu sehr übertrieben wird.

    Wie sagt man so schön: Weniger ist manchmal mehr.

    Schlusswort: Auf einigen wenigen Seiten deaktiviere ich sogar meinen Werbeblocker, weil diese nicht so übrladen sind und sich dort auch um Sicherheitsprobleme gekümmert wird. ;)

  2. Kommentar von reraiseace · · #

    Danke!

    Wenn der Seitenbetreiber transparent kommuniziert, wieso er Werbung schaltet, Werbung harmonisch in die Seitenstruktur einbaut und auf seine Anbieter achtet, dann ist das vollkommen legitim. Leider geht der Trend seit Jahren in die Richtung, Werbung überall reinzustopfen, wo es nur geht. Wenns nicht mehr passt, dann wirds drüber gelegt oder Platz gemacht. Man kann nur auf einen generellen Wandel hoffen oder weiter blockieren.