Handlungsblind durchs Social Web

Eigentlich könnte ich jeden Tag einen neuen Artikel über Datenschutz etc. pp der sozialen Netzwerke schreiben. Die Überschrift des heutigen Blogeintrags ist erst mal eine kleine Zweideutigkeit auf die neue Sharingfunktion von Facebook. Es handelt sich hierbei um “Frictionless Sharing”, zu Deutsch: reibungsloses oder -freies Teilen. Auch die Arbeitsweise ist schnell erklärt, man aktiviert die dazugehörige App auf Facebook und schon geht es los.

Ab dem Zeitpunkt wird alles erfasst, wo sich der Nutzer so herumtreibt, welche Musik er gerade hört und was er grad liest, eben alles, was man erfassen kann. Das Beste daran, es wird alles öffentlich angezeigt. Wer dann die so geteilten Inhalte lesen will, muss diese App ebenfalls installiert haben. In den folgenden Abschnitten möchte ich die Wirkung dieser neuen Anwendung auf das Web, soziale Netzwerke und vor allem den Nutzer näher beleuchten.


Frictionless Sharing kurz vorgestellt

Der Nutzer als Sharingschleuder

Aus Sicht des Users scheint diese Funktion im ersten Moment sehr schön, nimmt sie ihm doch Arbeit ab. Man muss nicht immer umständlich auf ein Like-Knöpfen buzzern oder eine Statusmeldung verfassen. Schöne Sache, einfach einen Artikel lesen und schwupp ist er auf der Pinne drauf. Im Laufe eines Tages kommt da sicherlich ein ordentliches Datenaufkommen zusammen und wenn man mal was vergessen hat, einfach nachschauen.

Okay, aber wie schaut es mit den Nachteilen aus? Da gibt es wieder so einige. Das Standardargument Datenschutz gleich zu Erst, man teilt seine ganzen Aktivitäten mit allen und die Profile werden damit zu einer Chronik. Im Hinblick auf das Feature Facebook Timeline, durchaus sinnvoll. Allerdings geht dabei die Privatsphäre flöten. Nun sollte man darauf achten, wo man sich herum treibt, nicht das am Ende noch eine illegale Seite auf der Pinnwand erscheint. Wäre doch nicht so prickelnd oder das man seiner Freundin beichten muss, wo man sich so herumgetrieben hat. Das bringt einen nur in Erklärungsnot. Für Unternehmen würde diese Funktion zu einer wahren Fundgrube werden, erfährt man doch noch deutlich besser, was der Nutzer alles liest, hört, schaut, mag, hasst etc. …

Facebook Weltkarte (Quelle: dullhunk, Liz. CC BY 2.0)
Facebook Weltkarte (Quelle: dullhunk, Liz. CC BY 2.0)

Ein weiterer negativer Effekt ist, das die Nutzer immer weniger Einfluss darauf nehmen können, was geteilt wird. Dadurch entsteht ein Kontrollverlust und man fängt nach und nach an, weniger über das Teilen nachzudenken und verliert auch irgendwann den Überblick. Das eigentliche Liken wird vermutlich auch zurückgehen, weil es weniger Sinn ergeben wird draufzudrücken.

Der eben erst gelesene Artikel, ist ja bereits auf der Pinnwand, vielleicht fehlt nur noch die Wertung durch ein Like. Das kann dazu führen, dass die Nutzer noch viel weniger Interaktion betreiben. Sind viele schon nicht mal mehr bereit oder in der Lage, einen ansatzweise sinnvollen Kommentar zu schreiben. Da überfordert sogar das klicken irgendwann. Der Nutzer entwickelt sich dadurch immer mehr zum funktionierenden Objekt, dem man mehr und mehr die Kontrolle über seine Daten entzieht.

Wirkung auf die sozialen Netzwerke und das Web

Für die sozialen Netzwerke, hier insbesondere Facebook, bietet die Funktion das weitere Nutzen von Daten, die man sowieso schon erhebt. Das macht auch Sinn, weil man schließlich mit Nutzerdaten und spezifischer Werbung Geld verdient. Facebook entwickelt sich offenkundig zur Datenschleuder, ein Prozess, der nicht erst seit gestern existiert. Google macht es auch nicht anders, sind doch Anzeigen ihre Haupteinnahmequelle. Bei beiden gilt, überall mitmischen, was auf den Markt werfen und mit dem Kerngeschäft koppeln.

Screenshot Facebook Werbung
Screenshot Facebook Werbung

Google Chrome dient auch nur dazu, um Nutzerverhalten abzuschöpfen, gleiches kann man über Facebook und deren Apps für Smartphones sagen. Diese sind vorwiegend auch nur für das Sammeln von Datensätzen gedacht. So gesehen ist der Einfluss von sozialen Netzwerken in unserem alltäglichen Leben, gekoppelt mit dem kommerziellen Hintergrund der Unternehmen recht ernst zu nehmen. Es wird der Tag kommen, wo viele ein böses Erwachen erleben werden. Datenschutz ist gerade in der heutigen Zeit unabdingbar (ich berichtete).

Ausblick in eine ungewisse Zukunft

“Frictionless Sharing” wird das Web in jedem Falle beeinflussen und prägen. Die Frage ist nur in welche Richtung. Die Eine wäre, das wir Nutzer zu Gehirnverkrüppelten Zombiesharern werden und kein bisschen auf Datenschutz achten. Der gänzlich andere Weg wäre, das wir anfangen diese Funktion und insbesondere soziale Netzwerke mit mehr Bedacht zu verwenden. Durch die vorherigen Abschnitte dürfte meine Headline nun noch eine weitere Definition bekommen haben. Handlungsblind bedeutet also nichts anderes, als der Verlust der eigenen Entscheidungsgewalt und dem verschließen vor der drohenden Gefahr.


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Autor: Markus Werner (reraiseace) Twitterreraiseace, Google+reraiseace, Twittercb_werner
Ich bin Redaktionsvolontär bei der COMPUTER BILD in Hamburg, Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg und schreibe auf re{raise}ace privat über Webdesign und Programmierung. Seit 2015 schrieb ich auch regelmäßig für andere Medien.

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